Perfecte Symmetrie im Geigenbau ?!?

Immer wieder erlebe ich bei Reparaturen oder Neueinstellungen einige unerwarteten Ueberraschungen. Dies, obwohl ich nach 42 Jahren Erfahrung dachte, ich hätte wirklich Alles schon mal gesehen.

Bei diesem Bass hatte ich anfangs ein gutes Gefühl. Er tönte auch mit alten Saiten noch gut und sprach trotz verdrehtem Griffbrett und krummem Steg erstaunlich gut an. Dass er dick mit einer alten Schicht Kolophonium bedeckt war, war zwar bedauerlich, aber auch das konnte man ändern.

Beim Abbauen des Kontrabasses liess mich ein Blick über den Bass doch etwas erschaudern. Der Hals war überhaupt nicht mittig einverleimt worden und das Griffbrett schwebte weit weg der Mittelinie über der Decke. Mass man den Steg auf die Flucht des Griffbrettes ein, so konnte man schon an der Mittelfuge ( wo der Kugelschreiber liegt ) erkennen, dass die Abweichung extrem war.

Auch eine Kontrollmessung vom Stegfuss zum linken F-Loch ( es gab noch die Möglichkeit, dass die Mittelfuge nicht in der Mitte verlief ) bestätigte, was mein Auge längst gesehen hatte: der Hals war weit ausserhalb der Symmetrie eingesetzt worden. Manchmal entstehen solche Probleme durch eine unsachgemässen Reparatur, aber hier war keine Reparaturstelle erkennbar. Alles schien original zu sein.

Die korrekte Lösung wäre natürlich gewesen, den Hals auszubauen, dann entweder den Halsschacht oder den Halsfuss nachzuarbeiten, um nun den Hals in seiner exacten Flucht einzuleimen. Doch was bei einem Neubau so leicht ist, ist bei einem schon eingeleimten Hals mit kostenintesiver Arbeit verbunden und das war dem Kunden doch zu teuer. Also galt es kreativ sein….

Zur Kontrolle und zur Bestimmung der verfehlten Distanz machte ich noch eine Messung vom Stegfuss zum rechten F-Loch. Mit 62mm waren das satte 20 Millimeter mehr als die 42 mm zu dem linken F-Loches. Somit war der Hals um respectable 10mm aus der Flucht eingebaut worden.

Ich wählte einen passenden Steg und zeichnete seine Position auf der Decke laut der bestehenden Flucht des Griffbrettes genau an. Nach vielen Stunden konzentrierter Arbeit sass der Steg nahezu luftdicht auf der Decke aufgepasst. Die Saitenkerben gefeilt, ein neuer Satz Saiten aufgezogen, den Bass spielfertig eingestellt und zum Testen angespielt. Ein herrlich knurrender Sound in den Tiefen und glasklare Höhen, ausgewogene Mitten und eine phantastische Ansprache sind der schönste Lohn für diese anstrengende Arbeit.

Klar habe auch ich es lieber, wenn alle Masse beim Kontrabass stimmen. Aber selbst bei stimmenden Massen ist ein grosser Ton nicht garantiert. Viele alte Streichinstrumente sind verdreht und verzogen, die Bassbalken sinken ein, die Decke wölbt sich über den Stimmstock und der Hals gibt dem steten Saitenzug von satten 120 Kilogramm nach. Und trotzdem tönen diese Kontrabässe herrlich weich, mit einer unvergleichlichen Reinheit und einer Ausgewogenheit über alle Lagen.

Die Regeln und Gesetze, die in anderen Sparten der Konstruktion gelten, scheinen beim Streichinstrument bisweilen nicht zu funktionieren. Das Streichinstrument ist voller Mysterien. Ob dieses Wissen wirklich mal bekannt war oder ob es sich heute um Geheimnisse handelt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Sicher ist, das mich der Kontrabass noch heute zu überraschen vermag un deswegen lieb ich meinen Beruf über Alles.

In diesem Sinne bis gleich wieder mal hier, auf meinem Kontrabassblog

Giorgio Pianzola, Geigenbauer

© Copyright Text und alle Fotos, Giorgio Pianzola, Bern 2026

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